Der Drache in Obernessa

Aus Wiki-WSF

Wechseln zu: Navigation, Suche

Der Drache in Obernessa

In Obernessa wohnte vor Jahren eine alte Frau, von der erzählt wird, daß sie den Drachen gehabt habe hätten. Sie habe ihn gut gefüttert und dadurch viel Vorteile gehabt. Im Sommer zur Erntezeit lieferte er ihr sogar das Mittagessen, so daß sie wenig Arbeit hatte und bis zur Mittagspause mit auf dem Felde bleiben konnte. Kam sie dann heim, so stellte sie nur die Schüssel in die Feuerstelle und rief: „Hänschen, gäk!“ (brich dich!) da war die Schüssel voll der allerbesten Kartoffelklöße. Weil es aber alle Tage dasselbe Mittagessen gab, wollte niemand mehr bei ihr als Knecht oder Magd arbeiten. Heimlich flüsterte man sich zu, daß die Frau mit dem Drachen im Bunde war. Am Sonntag hielt die Frau streng darauf, daß der Knecht und die beiden Mägde zur Kirche gingen. Kamen sie dann heim, so war jedes Mal der beste Kuchen fertig. Aber er sah steht’s grau aus. Da sagte eines Tages der Knecht zu den Magden: „ am nächsten Sonntag nehmt mal mein Gesangsbuch mit und tut, als ginge ich mit zur Kirche. Ich will mich indessen auf den Backofen legen, um zu lauschen, wie die Frau den Kuchen bäckt.“ So geschah es denn auch. Kaum waren die beiden Mägde fort, da hat die Frau die Türen verschlossen und das Kuchenbrett auf den Tisch gelegt. Dann sagte sie:

„Hänschen, gäk, lauter eiergelben Kuchendeek!“

Aber ängstlich hatte das Untier geantwortet: „Nee Frau, es guckt!“ Damit hatte der Drache den Knecht auf den Backofen gemeint. Die Bauersfrau aber antwortete: „Nee, komm nur, es guckt niemand!“ Und nun brachte er allerlei schönen Kuchen aus dem Rachen hervor. Heimlich hat das dann der Knecht den beiden Mägden erzählt. Keiner aß auch nur ein Stück von den Kuchen und sie verließen alle drei bald den Dienst. Später hat dann eine andere Magd der Frau einmal ganz frei ins Gesicht gesagt: „Eßt eure Drachengekäktes selber!“ Die Frau wurde leichenblaß, das Dienstmädchen aber zog noch am gleichen Tage in eine andere Stelle.

Quelle

Das Sagenbüchlein des Kreises Weißenfels (1937) von Alfred Nier

Persönliche Werkzeuge


alte Buecher aus Weissenfels